Die russische Wirtschaft befindet sich auf einem kontinuierlichen Wachstumspfad und damit nimmt die Bedeutung des russischen Marktes für europäische Importe zu. Die ökonomische Entwicklung spiegelt sich in der Zunahme des Güter- und Warenverkehrs. Neue Logistikhubs entstehen vor allem rund um die Produktions- und Wirtschaftszentren in Russland. Dabei nimmt die Hauptstadt Moskau als zentrale Wirtschafts- und Logistikmetropole eine Sonderstellung ein. Moskau ist die mit Abstand dynamischste Wirtschaftsregion und die Verkehrsströme fließen hier zusammen. Der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur im Großraum Moskau ist beeindruckend.

Mit einer Logistikkapazität von aktuell 16 Millionen m2 rechnet das Consulting-Unternehmen Knight Frank. Damit konzentriert sich über 50 Prozent der Kapazität auf die Metropolregion Moskau. Mit weitem Abstand folgen Sankt Petersburg (3 Millionen m2), Nowosibirsk, Jekaterinburg, Rostow am Don und Nischnij Nowgorod. Dabei weist Sankt Petersburg aufgrund seiner Lage und Anbindung an die Containerschifffahrt das größte Potential nach Moskau auf. Der global tätige Immobilienberater Colliers International geht in einer internen Studie von einem Leerstand an Logistikfläche in Russland von lediglich 2-5 Prozent aus.

Aufgrund der Lageeinschätzung durch globale Investmentberater verwundert es nicht, dass aktuell mehrere internationale Großinvestoren auf den Aufbau weiterer Logistikhubs setzen. Zum Wachstum des Logistiksektors wird in den nächsten fünf Jahren auch der Ausbau des Online-Handels in Russland beitragen. Nach Schätzungen bietet der E-Commerce bis zum Jahr 2024 ein Umsatzpotential von etwa 38 Milliarden Euro.

Zentralrussland mit dem Verwaltungszentrum Moskau weist die größte Verkehrsinfrastrukturdichte in Russland auf. Dies gilt sowohl für den Schienenverkehr als auch für die Straße. Im Eisenbahnverkehr wird die Verkehrsdichte mit 26 km/1.000 m2 angegeben, im Straßenverkehr sogar mit 360 km/1000 m2. Im asiatischen Teil Russlands besteht allerdings noch ein erheblicher Nachholbedarf in der Erschließung.

 

Struktur der Logistikbranche in Russland

Im Bereich der komplexen Logistikangebote gibt es kaum konkurrenzfähige russische Unternehmen. Wenn es um Komplettpakete und umfangreiche Dienstleistungen geht, beherrschen global aufgestellte Unternehmen das Feld. Der russische Transportmarkt ist auch für deutsche Unternehmen attraktiv, die zum Teil schon seit Jahren erfolgreich auf dem russischen Markt etabliert sind. So hat zum Beispiel Rhenus im Mai 2019 in Woronesch ein neues Logistikzentrum eröffnet, das verkehrstechnisch günstig an der Ost-West-Verbindung A 144 gelegen ist. Der deutsche Systemdienstleister sieht in dem neuen Hub auch eine wichtige Anbindung an den chinesischen Markt und die entsprechenden Gütertransporte des von China proklamierten Projekts der „Neuen Seidenstraße“. Weiter deutsche Unternehmen mit nennenswerten Marktanteilen und Ambitionen auf dem russischen Markt sind DHL, DB Schenker und Hellmann.

Der Markt für den reinen Waren- und Gütertransport ist in Russland extrem heterogen. Es gibt eine Vielzahl von kleinen und mittleren Unternehmen, die oft nicht mehr Eigenkapital besitzen, als in den Fahrzeugen repräsentiert ist. Die Fluktuation unter diesen Kleinanbietern ist sehr hoch, da kaum wirtschaftliche Reserven vorhanden sind und keine Risikovorsorge geleistet wird. Als russische Unternehmen im Logistiksektor, die mit bestimmten Transportformen erfolgreich sind und sich auf den Spezialmärkten einen nennenswerten Marktanteil gesichert haben gehören: GK Delowy Linii, Selta und Agro-Awto, die alle hauptsächlich im Bereich Landwirtschafts- und Lebensmitteltransporte tätig sind.

Im Gütertransport auf der Schiene haben sich vor allem zwei einheimische Anbieter etabliert, die sich vom Unternehmensmodell deutlich abheben. Das Unternehmen AO PGK läuft als Privatunternehmen, während das zweitgrößte Unternehmen in diesem Bereich, FGK, ein 100-prozentiges Staatsunternehmen ist. Mit weitem Abstand folgen Globaltrans und NefteTransSerwis.

Die Verteilung des russischen Gütertransports entspricht weitgehend internationalen Standards. Die Straße dominiert mit etwa 80 Prozent der gesamten Gütermenge. Im Jahr 2018 wurden hier Transportleistungen von 5,5 Milliarden Tonnen erbracht. Der Gütertransport auf der Schiene liegt bei 20 Prozent.

 

Alternativen zur Straße

Russland besitzt zwar über ein Straßennetz von 1,2 Millionen Kilometer, die für Schwertransporte befahrbar sind, allerdings gibt es weiterhin Regionen, die nahezu ausschließlich über die Schiene angebunden sind. Auf insgesamt 87.000 Kilometern Schiene werden, gemessen an den Tonnenkilometern deutlich mehr Transportleistung erbracht, als auf der Straße.

Ein erhebliches Potential für den russischen Binnentransport bildet der Schiffstransport. Mit über 10.000 Kilometern ausgebauter Wasserwege, verfügt Russland über eines der längsten Wasserstraßennetze der Welt. Allerdings werden nur etwa 2 Prozent der Transportleistung über das Wasser erbracht. Die russische Regierung hat dem Ausbau der Wasserwege höchste Priorität eingeräumt. Derzeit laufen mehrere Projekte landesweit zur Schaffung von Binnenhafenkapazitäten. Darüber hinaus laufen Arbeiten, um weitere Kanäle und Flussläufe für den Transport nutzbar zu machen. Zwischen 2019 und 2024 sind von staatlicher Seite 276 Milliarden Rubel für den Ausbau freigegeben, was derzeit etwa 3,65 Milliarden Euro entspricht. Das Projekt „Binnenwasserstraßen“ sieht eine Transportleistung von zusätzlichen 70 Millionen Tonnen vor und die Verlängerung des Wasserstraßennetzes auf 11.000 Kilometer.

Russland ist vor allem auch als Transferland für den Güteraustausch mit China von erheblicher globaler Bedeutung. Der Gütertransport verlagert sich dabei vornehmlich auf den Containertransport. Der Logistikmarkt im Bereich Standardcontainer wächst mit einer bemerkenswerten Dynamik und Zuwachsraten im zweistelligen Bereich. Problematisch sind derzeit noch die Transportzeiten, die mit 13 bis 20 Tagen für den Transit von chinesischen bis zur Westgrenze Russlands, über den international üblichen Margen liegen. Deshalb hat die russische Regierung ein Projekt mit dem Ziel der Verkürzung der Transferzeiten auf sieben Tage gestartet.

 

Beschleunigung als Staatsziel

Auch im nicht-schienengebundenen Gütertransport genießt die Verkürzung der Transportzeiten höchste Priorität. Durch den Einsatz moderner Verladetechniken für Standardcontainer, sollen die Standzeiten der LKW´s deutlich gesenkt werden. Für den Ausbau des Straßennetzes setzt Russland auf ein Finanzierungsmodell, das auch die Spediteure einbindet. Mit der Einführung neuer Mauttarife zum Februar 2020, sind aktuell für Transport über 12 Tonnen 2,20 Rubel für jeden Transportkilometer fällig.

 

Seetransport

Die Anbindung der russischen Seehäfen erscheint ebenso ausbaufähig. Zwar stiegen der Güterumschlag in den Häfen im Jahr 2018 um 3,8 Prozent auf aktuell 816,5 Millionen Tonnen, dennoch bieten die Transportterminals noch erhebliches Potential in den letzten Jahren. Zum bedeutendsten Seehafen entwickelte sich der Hafen Wladiwostok an der chinesischen Grenze. Der Handel mit China sorgte für eine Steigerung der Umschlagsmenge um fast 25 Prozent innerhalb des Jahres 2018.

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